Ohne Strukturen geht es nicht

Ohne Strukturen geht es nicht © röttger consulting

Strukturen sind unmodern geworden. In vielen Gesprächen mit Unternehmer:innen, insbesondere im Kontext von “New Work”, höre ich Sätze wie: “Wir wollen keine festen Abläufe mehr, das blockiert uns nur” oder “Wir setzen auf Eigenverantwortung statt Hierarchien”. Dahinter steckt oft eine gut gemeinte Haltung: Mehr Freiheit, mehr Vertrauen, mehr Flexibilität. Und das ist grundsätzlich richtig. Nur: Freiheit ohne Struktur führt ins Chaos.

1. Struktur ist kein Käfig, sondern ein Gerüst

Wir verwechseln Struktur oft mit Starrheit. Dabei ist Struktur das, was Orientierung gibt, was Sicherheit schafft, was Handlungsfähigkeit ermöglicht. In meiner Arbeit mit kleinen und mittleren Unternehmen sehe ich immer wieder: Wenn Strukturen fehlen, bleiben Entscheidungen liegen, werden Aufgaben doppelt gemacht, bleibt Verantwortung diffus. Kurz: Ohne Struktur keine Verbindlichkeit.

Struktur heißt nicht Kontrolle um ihrer selbst willen. Struktur heißt Klarheit. Und Klarheit ist die Grundlage für Vertrauen. Gerade in Teams, die eigenverantwortlich arbeiten sollen, braucht es umso mehr eine gemeinsame Grundlage: Wer entscheidet was? Wer trägt welche Verantwortung? Wer hat welche Ressourcen? Struktur ist dabei nicht die Lösung statt Vertrauen – sondern die Bedingung für Vertrauen.

Die Organisationsforscherin Amy Edmondson spricht von “psychological safety” als Grundvoraussetzung für lernende Organisationen. Doch diese Sicherheit entsteht nicht im luftleeren Raum. Sie braucht Halt – und dieser Halt ist struktureller Natur.

2. New Work braucht mehr Struktur, nicht weniger

“Lean” zu sein ist in Mode. Viele Unternehmen reduzieren Hierarchien, schaffen Abteilungen ab, arbeiten projektbasiert oder mit fluiden Rollen. Das kann sinnvoll sein – wenn es durchdacht ist. Leider erlebe ich häufig das Gegenteil: Die Organisation wird flacher, aber nicht klarer. Die Entscheidungswege kürzer, aber nicht nachvollziehbarer. Die Verantwortung diffuser, statt bewusster verteilt.

Gerade New-Work-Ansätze brauchen eine strukturelle Verankerung. Wer Verantwortung verteilt, muss auch klären, wohin diese Verantwortung geht. Wer auf selbstorganisierte Teams setzt, muss auch definieren, was organisiert werden soll – und nach welchen Prinzipien. Ansonsten droht genau das, was viele vermeiden wollen: Frust, Orientierungslosigkeit, Ineffizienz.

Ein aktueller Artikel im “MIT Sloan Management Review” (2024) bringt es auf den Punkt: “Empowerment without structure is a recipe for organizational drift.” Und genau das beobachte ich auch: Die besten Absichten scheitern, wenn sie nicht getragen werden von einem stabilen, flexiblen und transparenten Fundament.

3. Die Rolle des Beraters: Struktur schaffen, ohne zu ersticken

Ich verstehe meine Rolle als Strukturgeber. Nicht als Besserwisser, nicht als Kontrolletti, sondern als jemand, der hilft, die Dinge zu ordnen. Ich stelle Fragen: Welche Prozesse tragen wirklich? Wo sind Verantwortlichkeiten unklar? Wie funktionieren Kommunikation und Entscheidung? Und ich bringe Werkzeuge mit, die helfen, die passende Struktur zu entwickeln – nicht von der Stange, sondern für das konkrete Unternehmen, den konkreten Kontext.

Dabei geht es nicht um starre Pläne. Sondern um lebendige Rahmenbedingungen. Ein gutes Gerüst stützt, aber engt nicht ein. Es macht Entwicklung möglich. Genau das ist es, was viele Organisationen heute brauchen: nicht weniger Struktur, sondern die richtige.

Ich erinnere an meinen früheren Artikel „Warum es in der Beratung auch um unangenehme Erkenntnisse gehen muss“: Struktur beginnt oft mit der Erkenntnis, dass etwas fehlt. Erst wenn wir das anerkennen, können wir beginnen, Neues zu bauen – stabil, klar und tragfähig.

Zum Schluss: Struktur fördert Freiheit – nicht das Gegenteil

Mein Tipp: Wenn Sie in Ihrem Unternehmen neue Wege gehen wollen – agiler, menschlicher, flexibler – dann prüfen Sie zuerst Ihre Strukturen. Nicht, um alte Ordnung zu zementieren, sondern um neue Freiheit zu möglich zu machen.

Denn wo alles möglich ist, ist am Ende nichts mehr klar. Und Klarheit ist der Anfang jeder guten Entwicklung. Ich begleite Sie gern dabei.

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